Fischzucht Reinhardswald – Tobias Dworak

Schöner könnte eine Wanderung wohl kaum enden: Sie leben und arbeiten hier, im auslaufenden Holzapetal, direkt am Wald in einer Landschaft von großer Schönheit; das Holzapetal, das bis heute einen naturnahen Zustand bewahren konnte, gilt Laien und Experten als regelrechter Schatz des Reinhardswaldes. Nach mehr als 20 Kilometern speist der Waldbach hier, kurz vor der Mündung in die Diemel, noch die traditionsreiche Fischzucht Ihrer Familie. Welche Bedeutung hat diese Lage für Sie und Ihre Familie?

Die tägliche Arbeit mit und gerade in der Natur ist immer faszinierend; denn auch, wenn wir als Mensch meinen, es zu können, Natur ist und bleibt nur vage berechenbar und hält ständig Überraschungen bereit…Unser Antrieb besteht darin, dass man Teil von etwas geworden ist, was sowohl Kleines wie auch Großes schaffen kann, aber stets im Rhythmus der Jahreszeiten

Tobias Dworak

Die Einschätzung der Experten ist etwas hoch gegriffen, es gibt wahrhaftig noch schönere Täler, auch im Reinhardswald, wenn auch kleinräumiger. Die Holzape ist aber bekannt. Ihre Lage ist für uns sehr vorteilhaft, denn sie hat kurz vor dem Mündungsbereich die höchstmögliche Wassermenge auf ihrem Weg talabwärts. Sie hat aber auch eine große Menge Nährstoffe im Gepäck, die besonders auf dem Weg durch das Naturschutzgebiet im Wasser gelöst werden; Stichwort Totholz, was für die Fischzucht eine gewisse Herausforderung darstellt. Leider ist in den letzten Jahrzehnten die Wassermenge der Holzape spürbar weniger geworden, die Ursachen sind vielfältig, aber wie so oft vom Menschen gemacht. Trinkwasserentnahmen, nachlassende Niederschläge und Flächenversiegelung sind einige Gründe. Von Wülmersen aus betrachtet beginnt bei uns die Reise in das Holzapetal von der anderen Seite und man muss zwangsläufig bei uns vorbei. Wenn im Sommer die Frösche quaken, sattes Grün den Weg säumt, Eisvogel, Graureiher, Schwarzstorch, Milan, Fischadler, Gänse, Enten und auch nicht gern gesehene Kormorane im Jahresverlauf gleich zu Beginn der Wanderung ihre Präsenz zeigen, kann eine Wanderung in die Tiefen des Holzapetals wohl nicht besser beginnen.

Die Tradition der Fischzuchtbetriebe Reinhardswald reicht weit zurück; ihr Ursprung liegt in Ostpreußen. Wie kamen Sie nach Nordhessen, seit wann lebt und wirtschaftet ihre Familie im Holzapetal?

Foto T. Dworak

Meine Großeltern kamen nach dem Krieg über viele Umwege erst nach Hofgeismar/Kelze und 1954 schließlich nach Wülmersen. In Kelze begann die Fischerei mit den Kelzer Teichen, die noch heute im Besitz der Familie sind und weiterhin extensiv bewirtschaftet werden. 1954 bekam der Großvater die Alte Mühle mit den Mühlenteichen als Grundstück von der Hessischen Heimat zugewiesen. Wülmersen war, wie viele andere Orte in Hessen auch, ein Siedlungsprojekt für „,Gestrandete“. Das 1694 erbaute Mühlengebäude war von da an unser Ursprung in Nordhessen, die Forellenzucht wurde im ,,Unland“ dahinter aufgebaut und im Laufe der Geschichte auf weitere Standorte erweitert.

 …in der wievielten Generation wirtschaften sie jetzt?

Aktuell leitet die dritte Generation die Geschicke, die vierte Generation hat die Ausbildung zum Fischwirt erfolgreich absolviert und arbeitet derzeit als Vollzeitkraft im Betrieb mit. Die Zukunft bleibt aber weiter offen, denn nur ein möglicher Nachfolger allein reicht heute nicht mehr aus.

Für Wanderer sind Fischteiche, Anlagen, Hof und Gebäude ein herrlicher Anblick. Die Arbeit hier draußen, bei Hitze, Nässe, Sturm und Eis ist vermutlich weniger romantisch. Was fasziniert Sie und treibt Sie an?

Die tägliche Arbeit mit und gerade in der Natur ist immer faszinierend, denn auch, wenn wir als Mensch meinen, es zu können, Natur ist und bleibt nur vage berechenbar und hält ständig Überraschungen bereit. Wir lernen immer wieder neue Dinge, verstehen Zusammenhänge besser und weil wir tagtäglich mit diesen Veränderungen konfrontiert werden, merken wir oft gar nicht, wie sehr auch wir uns verändern oder besser anpassen müssen, um erfolgreich zu sein. Und weil wir der Natur bei unserer Arbeit viel Raum lassen, erleben wir auch täglich tierische Überraschungen auf der Anlage und werden besonders im Sommer immer wieder mit tollen Eindrücken belohnt. Der Antrieb besteht darin, dass man Teil von etwas geworden ist, was sowohl Kleines wie auch Großes schaffen kann, aber stets im Rhythmus der Jahreszeiten. Es stellt sich immer eine gewisse Zufriedenheit ein, wenn man mit seiner Hände Arbeit etwas Großartiges schaffen kann.

Foto T. Dworak

Die Fischzucht benötigt tiefe Einblicke in die natürlichen Ressourcen, in Biologie, Technik und Wirtschaft. Sie sind Ausbildungsbetrieb. Wer interessiert sich heute für den anspruchsvollen und vielseitigen Beruf des Fischwirtes?

Es gibt in der Tat noch junge Menschen, die sich wirklich ernsthaft für Natur und die Arbeit hier draußen interessieren. Die Arbeit mit Tieren ist immer anspruchsvoll und mit Verantwortung verbunden, aber besonders die von Natur aus stummen Fische benötigen für eine erfolgreiche Arbeit besonders viel Aufmerksamkeit. Man muss begeistern können, geduldig sein, zuhören, fordern und fördern. Oft meinen Angler, sie wären für den Job gemacht, aber es gehört deutlich mehr dazu, als einfach nur Fische fangen zu wollen. Ohne Idealismus, eine Spur Bescheidenheit und die Bereitschaft zu Ruhe und Stress zugleich, kann man in unserem aussterbenden Beruf nicht arbeiten. Vielleicht haben wir mit unseren Auszubildenden einfach nur Glück gehabt, erklären kann ich es nicht genau.

Foto T. Dworak

Was lernt ein Fischwirt?

Die Ausbildung ist heutzutage absolut vielfältig, zumindest bei uns. Man lernt viel über unterschiedliche Fischarten, deren Besonderheiten und ihren Lebensraum, also auch wichtige Dinge über die Natur allgemein. Es geht um Zucht, Aufzucht, Vermarktung, Veredelung. Die handwerkliche Kunst der Herstellung und Reparatur von Fanggeräten, also Netze, Kescher, etc. gehört auch dazu. Bei der Vermarktung spielt besonders der Hofladen eine wichtige Rolle, was die Ausbildung in Richtung Verkäufer lenkt. Der Beruf hat sich zumindest bei uns sehr gewandelt, wir arbeiten vielfältig. Wer bei uns den Betrieb als Geselle verlässt, sollte in der Lage sein Fische zu züchten, zu vermarkten, zu veredeln, Krankheiten zu erkennen, beherrscht den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und hat sich viele kleine wichtige Dinge des Lebens angeeignet, die er im späteren Leben ausbauen und festigen kann.

Finden Sie genügend Nachwuchs?

Bisher glücklicherweise ja, aber wir denken, das wird zukünftig deutlich schwerer, was dem massiven Ungleichgewicht bei der Bezahlung der Jobs untereinander geschuldet ist. Warm, weniger Anstrengung – geistig wie körperlich – bei deutlich mehr Geld und weniger Arbeitszeit, sind schwer zu überbieten.

Was hat es mit den Reinhardswälder Kois auf sich?

Es handelt sich um ein Nischenprodukt. Der Koi ist ein Farbkarpfen, der in Japan fast schon vergöttert wird. Da wir diese Farbkarpfen hier in Wülmersen und somit im Reinhardswald züchten, entstand der Name Reinhardswaldkois. Sie sind den klimatischen Bedingungen angepasst, preislich deutlich günstiger und stehen für ein regionales Produkt, das international in Mode ist. Sie müssen in heutigen Zeiten mit Klimaängsten nicht eingeflogen werden, der CO2-Fußabdruck ist deutlich kleiner.

Welche Fische haben Sie im Sortiment?

Hauptsächlich Regenbogenforellen, gefolgt von Bachforellen, Saiblingen und Äschen. Hinzu kommen Karpfen, Schleien, Hechte, Zander, Weißfische und Biotopsfische, wie das Moderlieschen oder der Bitterling und Gründling. Ab und an auch mal Aal.

So frisch wie bei Ihnen im Hofladen bekommt man selten seinen Fisch. Verkaufen Sie hauptsächlich in der Region?

Speisefische verkaufen wir nur regional, hauptsächlich über den Hofladen oder über weitere Direktvermarkter im Umkreis von maximal 40 Kilometern. Besatzfische für Angelvereine oder Privatkunden liefern wir in Spezialfahrzeugen, insbesondere im Frühjahr und Herbst im Umkreis von maximal 250 Kilometern, was aber eher die Ausnahme ist.

Sie vermarkten Ihre Fische nicht nur, Sie veredeln Sie auch?

Wir räuchern einmal wöchentlich und nach Bedarf Forellen, Lachsforellen, Saiblinge und Aal über offenem Erlenholzfeuer. Dazu gibt es Forelle nach Matjesart und im Dezember kaltgeräucherte Lachsforelle. Damit haben wir ausreichend zu tun und die Kapazitäten sind nicht beliebig erweiterbar.

Welchen Fisch bevorzugen Sie selbst?

Gebackenen Karpfen, filetiert und grätengeschnitten an Sahnemeerrettich mit Kartoffelsalat und Rotwein.

Haben Sie einen Geheimtipp für die einfache und gelungene Zubereitung ihrer fangfrischen Fische?

Geschmäcker sind verschieden, aber wir haben im Hofladen fast immer ein leckeres Rezept auf der Zunge, angepasst an den Kunden.

Schauen wir noch in die Zukunft: Nachhaltigkeit wird heute in allen Bereichen gefordert. Ihr Betrieb findet hier im Holzapetal gute Bedingungen  und birgt zudem das Wissen von Generationen. Woran arbeiten Sie, um den Betrieb noch weiterzuentwickeln?

Nachhaltigkeit ist in unseren Augen ein Modebegriff, der grundsätzlich viel zu schnell angewendet wird. Wer in Abhängigkeit von der Natur und ihren Ressourcen arbeitet, muss zwingend nachhaltig arbeiten, wenn er erfolgreich sein möchte. Wir produzieren das, zu was wir im Stande sind, wir fangen und verarbeiten nur das, was vom Kunden gefordert wird. Um aber den Betrieb erhalten zu können, arbeiten wir zunehmend im Betriebsumfeld gegen die weitere Ausbeutung der Natur. Diese entzieht uns die Grundlage unserer Arbeit und gefährdet unser aller Wohlergehen.

Die Bedingungen sind heute bei weitem nicht mehr so gut wie 1954. Das Wasser ist weniger, wärmer und dadurch qualitativ nicht viel besser. Landwirtschaft ist hierbei nicht das Problem, es ist eher der Flächenfraß durch die tagtägliche Bebauung. Wasser findet immer weniger Zeit in die tieferen Schichten zu gelangen, meist läuft es ungebremst in die Flüsse mit zum Teil fatalen Folgen – siehe Aartal. Wir verändern uns ständig, entwickeln uns entsprechend den finanziellen Möglichkeiten technisch, geistig und personell fort und lagen bisher damit fast immer richtig. Die Fischerei war und ist schon immer nachhaltig, lediglich der Profit der Großen führt, wie so oft, zu massiven Problemen.

Nicht weit von hier mündet die Holzape in die Diemel. Sind Sie selbst schon durch das ganze Holzapetal, von der Mündung bis zur Quelle am Staufenberg, gewandert?

Das Tal war meine Kinderstube und noch heute verbringen wir viel Zeit an und in der Holzape und trotzdem würde ich niemals behaupten, dass ich die Holzape perfekt kenne.

Fotos (oben) T. Dworak, K. Wild

Tipp: https://fischzucht-dworak.de/startseite/

Forstmann und Naturschützer – Hermann-Josef Rapp

Bernd Steiner, Schweizer Schriftsteller, nannte den Reinhardswald einst „Schatzhaus europäischer Wälder“ – obgleich wohl nicht ganz ohne ironischen Hintergedanken. Gemeinsam mit dem Biologen Jochen Tamm schrieben Sie einmal, das Holzapetal gehöre zu den Kronjuwelen des Reinhardswaldes.

Mit Bernd Steiner sind meine Frau und ich sehr gut befreundet. Er hat in seiner Begriffsfindung keinerlei ironische Hintergedanken gehabt. Seine leider zu früh verstorbene Ehefrau Verena Eggmann und er haben viele Länder Europas bereist, um spektakuläre Bäume und Wälder zu besuchen. Dabei kamen sie auch in den Reinhardswald und lernten mich kennen. Sie hatten das Internationale Baumarchiv gegründet und er war auch Mitglied im Kuratorium „Baum des Jahres“. Sie waren vom botanischen, naturschutzfachlichen, forstgeschichtlich, waldbaulichen und landschaftsbezogenen Potenzial des Reinhardswaldes so begeistert, dass er beziehungsweise beide diese Wertung gefunden haben.

Hier vergisst man die Zeit, taucht voll und ganz in diese geheimnisvolle Welt ein

Hermann-Josef Rapp

Kronjuwelen im Schatzhaus – was ist das Besondere an diesem Waldbach und seinem gleichnamigen Tal? Was fasziniert Sie?

Waldfließgewässer aber auch Teiche, Moore oder Quellbereiche sind besonders attraktive Landschaftselemente. Das Wasser, die Fließgeräusche, die Spiegelungen des Lichts, die häufig hier artenreichere Tierwelt, Blumen, die nur hier wachsen und die Stimmung an Gewässern allgemein regen die Gefühlswelt an, geben diesem Raum einen besonderen mystischen Charakter. Der Faktor Ruhe, besonders die Lärmfreiheit, ist dabei ein Kernelement. Bei der Holzape findet sich das alles in besonderem Maße wieder.

Sie entspringt am Fuße des Staufenbergs, der als nährstoffreicher Basaltkopf von alten Buchen geprägt ist und seit 1997 als eines der 31 hessischen Naturwaldreservate unter Totalschutz steht. Hier regiert die Wissenschaft, Wald kann hier Wald sein, die Bäume können uralt werden.

Kurz unterhalb ihres Quellbereichs, dem Staufenberger Bruch, formt sie sich zu einem Bächlein, fließt natürlich, ohne von Menschenhand gelenkt worden zu sein, gesäumt von einem bachbegleitenden Roterlenstreifen durch die Schadflächen des Niedersachsenorkans vom 13. November 1972 bis zur Kasseler Schneise, der historischen Verbindung der Sababurg zur Kasseler Residenz. Die dort nach 1972 wieder neu gepflanzten Fichten sind durch die katastrophale Wirkung der Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer der Jahre 2018 bis 2020 schon wieder verschwunden.

Oberes Holzapetal

Dann erreicht der Bach die Wiesenflächen des Naturschutzgebietes „Oberes Holzapetal“, den Bereich der Wilden Teiche, aus Naturschutzsicht ein Gebiet der Sonderklasse. Es folgt ein wildes, ungestörtes Gebiet aus bachbegleitenden Baumbeständen und einer reich strukturierten Weidefläche. Die gehören zur Staatsdomäne Beberbeck. Unter der Landstraße Hofgeismar-Sababurg hindurch passiert die Holzape die Kläranlage Beberbecks und das Forsthaus Beberbeck.

Von dort bis zur Landstraße Trendelburg-Gottsbüren mäandriert der Bach wunderschön durch eine Weidelandschaft beiderseits von Laubwäldern eingerahmt. In diesem Bereich mündet dann der Donnebach, der oberhalb der Sababurg entspringt, die dortige Besiedlung, den Tierpark, den Weiler Sababurger Mühle und die Freizeiteinrichtung der „Versehrten“ aus Kassel entsorgt.

Auf den letzten sieben Kilometern bis nach Wülmersen ist die Holzape nur noch Natur pur. Sie fließt mit immer mehr Wasser wild durch Wald und Wiesen, bietet durch alte Bäume den Anblick kostbarster Lebensräume, tolle Landschaftseindrücke und das weiterhin fernab von jeglichen Lärmquellen.

Holzape zwischen Gottsbüren und Wülmersen

Ein derartiger abwechslungsreicher, natürlich fließender Bach ist wahrlich ganz, ganz selten und der sich durch seinen fast vollständigen Schutz durch das Naturschutzrecht auch als kaum überformter Landschaftsraum weiter entwickeln kann.

In oben erwähntem Beitrag heißt es weiter: „Die Holzape ist so ganz ein Kind des Reinhardswaldes“ – das klingt beinahe fürsorglich – ist das eine ohne das andere gar nicht denkbar?

Selbstverständlich gibt es auch im Habichtswald, Kaufunger Wald oder dem Solling herrliche Bachgewässer. Aber je nach der Geologie, dem Relief und der Nutzungsform des dortigen Umlandes hat jeder Bach sein eigenes Gesicht. Und das der Holzape ist besonders reizvoll. Die Verhältnisse im Reinhardswald sind dafür maßgebend.

Doch so faszinierend der Reinhardswald auch ist – kultur- und forstgeschichtlich – er hatte und hat zu kämpfen. Ich denke etwa an die Jahrhunderte währende ruinöse Waldhute oder an mächtige Fichtenkulturen, die, das wussten vermutlich bereits diejenigen, die sie anlegten, auf lange Sicht Sturm, Borkenkäfer oder – ganz aktuell –Trockenheit und Hitze kaum standhalten würden. Die Holzape freilich scheint unberührt – fließt mittendurch, glasklar und naturnah. Wie kann das sein?

Wie überall bestand auch hier die Gefahr, dass man über die Jahrhunderte hinweg den Bach überformt, ihn mit Mühlen, Teichanlagen, Floß- und Trifteinrichtungen, Bewässerungsanlagen oder sonst was gefügig gemacht hätte. Das ist ihr erspart geblieben, sie hat vielleicht Glück gehabt. Ein Grund dafür können die Eigentumsverhältnisse, es gehörte praktisch alles dem Landgrafen, gewesen sein. Aber auch die Jagd mit ihrem überragenden Stellenwert im Reinhardswald könnte etwas bewirkt haben. Man wollte keine Störungen im Hofjagdrevier.

Welche wichtigen Strukturen weist der Bach auf?

Die Strukturen im Einzelnen zu beschreiben, sprengt sicher unser Interview. Seine gleichbleibende Fließgeschwindigkeit lässt den Bach typisch mäandrieren. Damit ändert er ständig seinen genauen Verlauf. Es entstehen neue Uferabbrüche, es bilden sich neue Sedimentablagerungen, die Kolke reagieren entsprechend. Der Wechsel von Offenland zu bachbegleitenden Gehölzen und gar geschlossenen Wäldern in ihrer Nachbarschaft wirken auf die Wassertemperatur, die Besonnung, den Chemismus und die Gewässerhydraulik. Das sorgt für eine unterschiedliche Flora und Fauna. Da der Uferstreifen nicht bewirtschaftet wird, findet sich reichlich Totholz in unterschiedlicher Stärke, ein wichtiges Element für Fließgewässer.

Taufe der „Rapp-Eiche“ am 23. Mai 2013 im NSG Urwald Sababurg: Hermann-Josef Rapp (links) mit Regierungspräsident Walter Lübcke († 2019) Foto: Volker Siesenop

Die Flora im Holzapetal ist beeindruckend, bei der Fauna wird´s geradezu poetisch: Da treffen sich südlicher Blaupfeil, zweigestreifte Quelljungfer und Gebänderte Heidelibelle. Es gibt Teichmolch, Feuersalamander, Wasseramsel, Schwarzstorch und Eisvogel. Was empfinden Sie ganz persönlich bei der Fülle seltener Geschöpfe, die an einem Waldbach wie der Holzape heute rar gewordenen Lebensraum finden?

Das ist jedes Mal fast ein Abenteuer, wenn man sich hier intensiver mit der Vogelwelt, den Insekten, Bachbewohnern oder auch den Pflanzen beschäftigt. Da spielt auch die Jahreszeit eine Rolle. Hier vergisst man die Zeit, taucht voll und ganz in diese geheimnisvolle Welt ein.

Und der Biber? Die Holzape fließt unweit der Domäne Beberbeck. Der Name – Beber und Beck – verweist auf den „Biber-Bach“. Werden wir den vor langer Zeit hier ausgerotteten Baumeister dort wieder sehen?

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Wir wissen nicht, wann die letzten Biber zum Beispiel im Bereich Beberbeck gelebt haben. Aber er ist wieder im Anmarsch. Kurz vor der Wende hat die hessische Forstverwaltung eine Aussetzaktion zur Wiederansiedlung des Bibers gestartet, die ein spektakulärer Erfolg wurde. In Sachsen-Anhalt wurden Elbebiber gefangen und an der Jossa im Spessart ausgesetzt. Sehr gut betreut und umsichtig gemanagt vermehrten sich die Tiere, machten sich auf die Wanderschaft und erweiterten nach Süden in Richtung Franken, nach Westen in Richtung Frankfurt und nach Norden über die Fulda in Richtung Kassel ihr Areal. Inzwischen haben sie auch die Oberweser erreicht und werden recht bald die Diemel von Bad Karlshafen aus besiedeln. Und dann sind sie auch ganz schnell an der Holzape.

Diese Wiederbesiedlung Hessens erfolgte schneller als von den Experten vorausgesagt.

Ein Managementplan der EU soll sicherstellen, dass FFH-Gebiete „in einem guten Erhaltungszustand bleiben“. Das Holzapetal ist in weiten Teilen FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat). Nutzt ihm das? Und garantiert der Wald eigentlich das Überleben des Waldbaches und umgekehrt – da wären wir wieder bei der oben erwähnten „Holzape als Kind des Reinhardswaldes“?

Da können wir beruhigt sein. Die rechtliche Situation ist sehr gut. Fast die gesamte Strecke der Holzape steht unter Natur- oder FFH-Schutz. Das Gebiet wird diesbezüglich gut bearbeitet und aufmerksam beobachtet. Die Gefährdung durch das Ferienresort Beberbeck ist vom Tisch. Und die waldbaulichen Zielsetzungen von Hessen-Forst, auch jetzt nach den Katastrophenjahren, werden dafür sorgen, dass die Interaktionen zwischen Wald und Holzape noch vorteilhafter werden.

Zwei Urwälder gibt es im Reinhardswald. Wobei der als „Urwald Sababurg“ bezeichnete, durch seine Geschichte, durch Fotografen, Maler und Filmbeiträge weit über die Grenzen auch Deutschlands hinaus bekannt geworden ist. Brauchen wir mehr Urwälder?

Darüber besteht mittlerweile Konsens. Internationale und nationale Absprachen sehen jetzt das Liegenlassen von etwa fünf Prozent der Waldflächen vor, die den Urwald von morgen darstellen sollen. Das ist nicht konfliktfrei umzusetzen, schließlich ist der Rohstoff unverzichtbar und aus Sicht des Umweltschutzes konkurrenzlos hinsichtlich seiner Energiebilanz.

Im Reinhardswald liegen wir ganz weit vorn. Über 7000 Hektar stehen unter Schutz, das sind mehr als 30 Prozent der Waldfläche.

Ein Urwald voller mächtiger Baumveteranen und -skelette. Nicht nur hier, aber ganz besonders im „Urwald“ lebt der Mythos Wald. In der deutschen Tradition, insbesondere in der Romantik, steht der Wald für das Geheimnisvolle. Der Wald ist Zuflucht, aber auch unheimlich. Für viele „stressgeplagte“ Zeitgenossen wird er zum Sehnsuchtsort geradezu überhöht. Wald gleich Ruhe und Waldeinsamkeit. Stimmt das Bild und kommt man dem Wald näher, wenn man sich zum „Waldbaden“ anmeldet?

Diese Wirkung des Waldes, die elementar zu den Sozialfunktionen des Waldes zählt, ist ja nicht neu, rückt aber jetzt stärker in den Vordergrund. Das beginnt bei der Kindergarten- und Schulpädagogik und reicht bis zur Arbeit in Senioren- und Pflegeheimen. Da habe ich über die Jahre reichlich Erfahrungen gesammelt und wunderbare Erlebnisse gehabt. Der Reinhardswald kann hier in der Bundesliga spielen. Sein „Stadion“ ist absolut bestens ausgestattet.

Wie man sich diesen Wirkungen nähert, ist einerlei. Das kann per Buch, Wanderverein, naturschutzrelevante Vereine, der vhs oder auch einen Waldbademeister erfolgen. Autodidaktisch geht das auch. Wichtig sind die ersten Schritte. Dann zieht die Natur einen selbst weiter in das Thema hinein.

Eine ganz besondere Ruhe birgt der Friedwald, nicht weit vom Quellgebiet und Oberlauf der Holzape entfernt. Ihrer Mitwirkung haben wir den ersten „FriedWald“ in Deutschland an dieser Stelle zu verdanken. Wenn ich das fragen darf? Welchen Baum hat Ihre Familie zur Ruhestätte gewählt?

Der Friedwald vermittelt die vorgesagten Dinge in besonderer Weise. Ein Alleinstellungsmerkmal der Sonderklasse. Nicht ohne Grund sind die üblichen Bestattungsplätze mit dem Label „Waldfriedhof“ besonders geschätzt und gesellschaftlich auf Exklusivniveau. Unsere Familie hat sofort nach der Eröffnung im Winter 2001/2002 an der Judenbaumallee nahe des Judenbaums zwei junge Eichen erworben, die jetzt etwa 60 Jahre alt sind. Inzwischen haben wir dort neun Verwandte im weitesten Sinne beigesetzt und eine Art Familienzusammenführung betrieben.

Sie waren fast 40 Jahre Forstmann, sind dem Reinhardswald tief verbunden, immer wieder gefragter Gast bei Beiträgen in den Medien. Und in fast allen Zusammenhängen sind Sie „die Stimme des Reinhardswaldes“. Das klingt nach großer Verantwortung, hohem Erwartungsdruck? Stört Sie das manchmal?

Wie es dazu gekommen ist, weiß ich nicht genau, aber ich werde regelmäßig damit konfrontiert. Dabei spürt man schon einen gewissen Erwartungsdruck, gerade jetzt im Zeichen der Windkraftdiskussion. Das stört mich nicht. Damit muss und kann ich gut leben.

Können Sie beim Spazierengehen im Reinhardswald als langjähriger Forstmann und leidenschaftlicher Naturschützer auch einfach mal fernab die Gedanken schweifen lassen?

Natürlich, vielleicht hier besonders gut. Die Natur wirkt häufig inspirierend. Und die geringen Störungen durch irgendwas lenken auch weniger ab, lassen einen die Gedanken zu Ende führen. Ich kann das nur empfehlen.

Haben Sie schon im Wald übernachtet?

Übernachtet? Glaube ich nicht, daran kann ich mich nicht erinnern.

Aber nachts sehr lange im Wald bleiben und morgens sehr früh in den Wald kommen, das gehört zu unserem Beruf. Dabei kann man die schönsten Momente des Tages erleben.

Welche fünf Plätze, Orte, Dinge am Wegesrand im Verlauf der Holzape – von der Quelle bis zur Mündung – möchten Sie empfehlen?

  • Beginnen wir bei der Quelle und der oberhalb liegenden Schutzhütte am Staufenberg.
  • Die Besucherkanzel „Knaufs Ausblick“ an der Nordostecke der Wilden Teichs Wiesen ist ein Muss. Ein Prachtstück mitten im Reinhardswald.
  • Und dann die Weide beim Rondell neben dem ehemaligen Kuhstall der Domäne Beberbeck mit ihrem Ensemble wunderschöner alter Eichen im Stil eines Hutewaldes.
  • Die Strecke entlang der Holzape von der Landstraße Trendelburg-Gottsbüren bis nach Wülmersen muss man als Ganzes genießen, wirklich genießen.
  • Und als Abschluss bietet die Erkundung der restaurierten Anlage des Schlosses Wülmersen den Sprung von der Natur in die Kultur. Die mustergültige Leistung der Personen, die aus der Ruine dieses Anwesen gemacht haben, verdient es, wertgeschätzt zu werden.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wenn Sie mit Ihrem heutigen Erfahrungsschatz noch einmal als junger Förster beginnen würden, was stünde ganz oben auf Ihrer Agenda?

Das wünsche ich mir, davon träume ich manchmal!

Die Uhren im deutschen Wald gehen heute anders. Die Schwerpunkte haben sich verlagert. Die Ansprüche des Naturschutzes und der ökologischen Forstwirtschaft haben eine gewaltige Diskussion ausgelöst. Die Kerninhalte sind geblieben, aber die Gewichte haben sich verlagert.

Der Dauerwaldgedanke wird 2021 100 Jahre alt. Die naturgemäße Forstwirtschaft gewinnt an Bedeutung. Das alles spielte vor 60 Jahren zu Beginn meiner Ausbildung nur eine untergeordnete Rolle. Unsere Ausbildungsziele sahen anders aus. Darauf sind wir geprägt worden.

Mit den Erfahrungen von heute würde ich einige Dinge im Wald anders machen, die natürlichen Prozesse in den Vordergrund rücken und noch stärker die waldbauliche Qualität der Bewirtschaftung auf breitere Füße stellen.

Und wie sieht Ihr Reinhardswald in 100 Jahren aus?

Das geht mir im Kopf herum, da möchte man gern Hellseher sein.

Egal wie sich unser Klima entwickelt und damit die Baumartenwahl fundamental beeinflusst, wird der Wald weiterhin Wald bleiben. An den Grundbedingungen des Baumwachstums und den Regularien des Waldsystems wird sich auch wenig ändern.

Aber in der Form der Bewirtschaftung wird sich die Gretchenfrage stellen, ob die Prinzipien der Forstwirtschaft weiterhin die Multifunktionalität des Waldes gleichgewichtet berücksichtigen oder ob ein industriell geprägter Plantagenbetrieb die Holzzucht in den Vordergrund rückt. Das gibt es mehrfach auf der Welt. Fachlich bezeichnet man das als Gegensatz zwischen Integration oder Segregation. Also Trennung zwischen Naturwald und Plantagenwald. Für mich wäre das grauenvoll. Die Waldfläche wird sich hinsichtlich ihrer Abgrenzung nicht wesentlich verändern. Der Rohstoff Holz wird seine Bedeutung behalten. Der Erholungsraum Wald wird wichtiger sein denn je. Die Leistungskraft des Waldes für die Trinkwassergewinnung und den Luftaustausch wird ihre Bedeutung behalten.

Und seine Wirkung für das Landschaftsbild muss erhalten bleiben.

Urwald Sababurg

Eldorado für Käfer, Pilze, Fotografen.

Vom „Malerreservat“ zum Urwald Sababurg

Tief berührt von prächtigen Huteeichen, der märchenhaften Sababurg und den halbwilden Pferden des Gestütes Beberbeck hielt Theodor Rocholl (1854-1933) als junger Mann seine Erlebnisse einer Wanderung mit seinem Vater in den Reinhardswald in präzisen und lebendigen Skizzen und Zeichnungen fest. Der Reinhardswald sollte den aus dem Waldeckschen stammenden späteren Maler nie wieder loslassen. Doch bis zu seiner ersten Rückkehr sollten Jahre vergehen. Rocholl arbeitete als Schlachtenmaler in großen Feldzügen. Bis nach China begleitete er etwa 1900 im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. deutsche Truppen als „Kriegsberichterstatter“ mit Stift und Pinsel. Der Soldatentod seines Sohnes im ersten Weltkrieg brachte für Rocholl schließlich die Wende. Schon zuvor hatte er im Reinhardswald Ruhe und Harmonie mit der Natur in dieser so ganz anderen Welt gesucht. 1905 setzte sich Rocholl für den Schutz des einstigen Hutewaldes am „Kuhberg“, unweit der Sababurg, mit seinen mystischen uralten Baumveteranen ein. So ist das älteste Naturschutzgebiet Hessens der Initiative des Malers Theodor Rocholl zu verdanken. Viele seiner stimmungsvollen Bilder entstanden hier. Ein Hauptmotiv Rocholls: die „Sababurger Wilden“. Von ihnen wurde schon 1490 berichtet. 1724 entstand auf dem Schloss Beberbeck ein kurhessisches Land- und Hofgestüt, später eines der preußischen Hauptgestüte. Seit 2018 wächst im Tierpark Sababurg mit Urahnen eine neue Zucht der berühmten Beberbecker Pferde heran.

Das heute als Urwald bezeichnete Areal mit seinen rund 92 Hektar ist genau genommen kein Urwald, vielmehr gewachsene Kulturlandschaft: Ursprünglich war es ein lockerer Weidewald mit Huteeichen und -buchen, durch die intensive, Jahrhunderte währende Waldhute im Reinhardswald bis Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Heute prägen insbesondere der hohe Bestand an Totholz und teils mannshohe beeindruckende Adlerfarnvorkommen den Urwald Sababurg. Sagenumwoben und mystisch wirken umgestürzte, in Teilen abgestorbene jahrhundertealte Baumriesen. Sie sind das eigentliche ökologische Kapital, bieten unzähligen Flechten-, Pilzen- und Insektenarten Lebensraum; darunter allein 450 Käferarten, viele von ihnen gelten in Deutschland als gefährdet.

Früher gern als „Malerreservat“ bezeichnet, zieht der heutige Urwald Sababurg mit seinen knorrigen Riesenbäumen und Baumskeletten Wanderer, Touristen und natürlich Fotografen in seinen Bann. Im heutigen Naturpark Reinhardswald (seit 2017) ist der Urwald eine der ganz großen Attraktionen.

Tipp: Vom Parkplatz Drecktor aus führen gleich drei schöne Pfade – teils über Holzstege, um das empfindliche Gelände zu schützen – als Rundwege durch das mehr als 100 Jahre alte Naturschutzgebiet. Das Stadtmuseum Hofgeismar besitzt circa 650 Originale Theodor Rocholls und betreut sammelnd und forschend sein Lebenswerk.

Fichtenklumpse

Genial gedacht und doch gescheitert

Diese skurril anmutende Pflanzung gibt es tatsächlich nur im Reinhardswald. Fichtenklumpse: eine Eiche oder Buche, rundherum geschützt durch einen Kranz von Fichten, umgeben mit einem Grabensystem. Von Forstinspector Carl Friedrich Mergell stammte diese geniale Idee. Ab 1851 versuchte er mit der Anlage von Fichtenklumpsen den Spagat zwischen Forst- und Hutewirtschaft (Waldweide). Arg mitgenommen präsentierte sich der Reinhardswald auch damals. Zur Weser hin hatten Energieverwerter, wie Köhler, Glasmacher, Pottaschesieder, die Buchenbestände stark strapaziert. Auf den Hochflächen wiederum hatte die jahrhundertealte Dauerbeweidung Wald und Waldböden verändert. Mergells Klumpse standen auf eigens angelegten Pflanzhügeln, um den nassen, verdichteten und sauerstoffarmen Böden (Molkeböden) zu trotzen. Zwischen den Klumpsen sollte weiterhin Vieh weiden. Eine Offerte an die Tradition der Waldweide und zugleich ein Aufforstungsversuch. Doch das Projekt Klumpse sollte scheitern. Zu wenig Licht ließen die schnellwachsenden Fichten ihrem  Schützling in der Mitte. Immerhin: Die Fichten wuchsen. Zumindest aus damaliger Sicht für die heruntergewirtschafteten kahlen Huteflächen eine schnelle Lösung.  Mittlerweile wissen wir es freilich besser. Bei den heute zu bestaunenden Klumpsen, durch die, nahe der Reinhardswälder Waldstraße, ein geradezu mystisch anmutender ausgewiesener Wanderpfad Richtung Staufenberg führt, handelt es sich um etwa 1961 gepflanzte Nachkommen Mergellscher Fichtenklumpse.

Reinhardswald

Alles verspielt – und doch gewonnen

Einst soll der Bischof von Paderborn mit dem Grafen Reinhard um dessen Besitztümer gewürfelt haben. Graf Reinhard besaß große Ländereien und war ein leidenschaftlicher Spieler und Trunkenbold. Der Bischof gewann, der Graf verlor sein Land. Da bat er, ihm einen Wunsch zu gewähren: Noch einmal wollte er auf seinen Ländereien säen und ernten. Der Bischof stimmte zu. Doch Graf Reinhard war schlau; so säte er nicht Getreide, er säte Eicheln. Viele Jahre vergingen bis zur Ernte. Vor so viel List musste der Bischof passen. So kam der Reinhardswald zu seinen Namen und seinen mächtigen Eichen.

In Nordhessen erzählt man gerne diese Sage um Entstehung und Namensfindung des Reinhardswaldes. Viele weitere Geschichten sorgten dafür, dass der Reinhardswald als sagenumwoben und märchenumwittert wahrgenommen wird, etwa jene von verirrten Wanderern, denen Elfen den Weg weisen…

So viel zumindest ist sicher: Der Reinhardswald ist mehr als 1000 Jahre alt. 1019 hat Kaiser Heinrich II. den südlichen Teil des heutigen Reinhardswaldes dem Bistum Paderborn geschenkt. Das kaiserliche Schriftstück beinhaltete die Schenkung eines Forstes, nahe bei dem Ort Reinersen, begrenzt durch Fulda und Weser. Die Schenkung an das Bistum Paderborn ist die erste urkundliche Erwähnung des heute größten zusammenhängenden hessischen Waldgebietes. Weitgehend unzerschnitten umfasst es heute mehr als 20.000 Hektar – eine beeindruckende Natur- und Kulturlandschaft oder auch ein „Schatzhaus der europäischen Wälder“, wie Bernd Steiner, Schweizer Schriftsteller, den Reinhardswald so treffend bezeichnet.

Gottsbüren

Wallfahrt und Orgelbau. Das „Wunder von Gottsbüren“ ließ Pilger strömen.

Unweit von Gottsbüren, unterhalb des Fischteiches Keßpfuhl, mündet der Fuldebach in die Holzape. Zuvor quert er den kleinen Ort. Als „Buria“ erwähnt, soll Gottsbüren als Siedlung bereits im 9. Jahrhundert existiert haben. Gottsbüren liegt an dem alten Königsweg zur Weser hin, der im Mittelalter Teil des Pilgerweges nach Santiago de Compostela war. Um 1330 ist von einem Wunder die Rede: Der Leichnam Christi, nach anderen Darstellungen eine blutende Hostie, soll in den Wäldern um Gottsbüren gefunden worden sein. Zeitnah setzt eine florierende Wallfahrt ein, Pilgerströme und reichlich fließende Spenden lassen Ort und Region aufblühen. Das nahegelegene Kloster Lippoldsberg entsandte Nonnen, um die Pilgerströme zu organisieren. Mithilfe der großen finanziellen Einnahmen begann der Bau der bis heute erhaltenen und restaurierten Wallfahrtskirche. Dem Schutz der Wallfahrer diente in Folge die 1334 erbaute Zapfenburg – die heutige Sababurg. Neben Land- und Forstwirtschaft, Holzverarbeitung und Töpferei prägte einst vor allem der Orgelbau der Familien Kohlen, Heeren, Kuhlmann und Euler das wirtschaftliche Leben Gottsbürens. Seit 1775 legt die Heeren/Euler Orgel in der Wallfahrtskirche davon Zeugnis ab. Die Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Gottsbüren hat historische Pilgerwege in der Umgebung von Gottsbüren als Rundwanderwege mit Hinweistafeln gestaltet. Der Eco-Pfad Gottsbüren verweist zudem mit Informationen auf Wallfahrtskirche, Gottsbürener Orgelbau sowie nahe gelegene mittelalterliche Siedlungen im nördlichen Reinhardswald.

Flyer Eco Pfad Pilgerwege Gottsbüren

Heeren/Euler-Orgel Wallfahrtskirche Gottsbüren

Sababurg

…und da wurde die Hochzeit des Königssohns
mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert,
und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

„Dornröschen“ Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Sagen, Mythen und Legenden ranken sich rund um den Reinhardswald. Viele Märchenstoffe, die die Brüder Grimm in Nordhessen sammelten, haben hier ihr Zuhause; darunter das wohl bekannteste Märchen Dornröschen. Das fiel bekanntlich mitsamt seinem Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf, bis ein tapferer Prinz es endlich wachküsste. Aus aller Welt kommen Touristen, um die mit Rosen umrankte Sababurg – gleichsam das Zentrum des „Märchenwaldes“ Reinhardswald  – zu bewundern und Kinder fragen schonmal, wo genau in der Burg das Dornröschen denn nun eigentlich schläft. Aktuell befindet sich die Sababurg, über Jahrzehnte beliebtes Ausflugsziel für Besucher aus Nah und Fern, allerdings im Umbau. Das Land Hessen saniert die Burg seit 2018. Nicht nur in Nordhessen wünschen sich viele Menschen die baldige Wiedereröffnung: Auf keinen Fall darf das Dornröschenschloss Sababurg noch einmal in hundertjährigen Schlaf fallen.

Tatsächlich umrankte im 17. Jahrhundert eine hohe Dornenhecke die nach dem Dreißigjährigen Krieg stark zerstörten und verfallenden Gebäude. 1334 zum Schutz der Pilger im nahen Wallfahrtsort Gottsbüren erbaut, firmierte die Anlage ursprünglich unter dem Namen Zapfenburg. Sie war zugleich Grenzfestung zwischen den Bistümern Mainz, Paderborn und der Landgrafschaft Hessen. Über Jahrhunderte diente die immer wieder umgebaute und erweiterte Anlage insbesondere auch als prächtiges Jagdschloss und Schauplatz glanzvoller Feste und Gesellschaften. Heute ist die Sababurg Anziehungspunkt an der beliebten Ferienstraße „Deutsche Märchenstraße“.

Tipp:

Ein Besuch der Sababurg bietet eine ideale Gelegenheit, auch den in der Nähe gelegenen Tierpark Sababurg, den Urwald Sababurg sowie die  Dornröschenstadt Hofgeismar zu erkunden.

Friedwald

Letzte Ruhe im stillen Forst
Im Reinhardswald entstand der erste Bestattungswald FriedWald

„Über allen Gipfeln Ist Ruh‘, In allen Wipfeln Spürest Du…“ – spontan könnte Goethes berühmtes Gedicht demjenigen in den Sinn kommen, der, nicht weit vom Quellgebiet der Holzape entfernt, ein ganz besonderes Areal im Reinhardswald betritt. Nordwestlich des Staufenbergs, beiderseits der sogenannten Waldstraße, befindet sich seit mehr als 20 Jahren ein FriedWald. Übrigens der erste seiner Art, den die FriedWald GmbH in Deutschland eröffnet hat. Damals war die Beisetzung in der freien Natur noch eher ungewöhnlich. Die Ansiedlung des rund 116 Hektar großen Waldfriedhofs ist insbesondere auch der Unterstützung des Forstmanns und Naturschützers Hermann-Josef Rapp zu verdanken.

Bestattet wird im Wurzelbereich von Bäumen; viele Eichen, Buchen, Kastanien und andere Baumarten werden so im Laufe der Zeit zur Ruhestätte für ganze Familien. Besonders reizvoll sind ehemalige Huteflächen, sie verleihen dem naturbelassenen „Friedhof“ im Wald eine ganz besondere Atmosphäre: Breite lichte Eichenalleen laden Besucher und Gäste zum Spazierengehen und Verweilen in das weitläufige Areal ein.