Ein Murmeln nur im hohen Gras – Ad fontes

Wie der Lauf eines kleinen Gewässers im nordhessischen Reinhardswald zur (ent)spannenden, unterhaltsamen, auch anspruchsvollen Exkursion werden kann

Bach, Rinnsal oder Fluss. Der Experte unterscheidet genau: nach Wassermenge, Breite und Länge eines Fließgewässers. Dem Wanderer bietet ein Wasserlauf – und sei er noch so klein – willkommene Orientierung. Im Wald allemal – von der Quelle bis zur Mündung oder andersherum, ganz wie es beliebt.

Wasser ist Leben! Wasser ist immer unterwegs. In stetigem Kreislauf – irgendwo zwischen Meer und Land

Unterwegs durch Wald, Gestrüpp und nasse Wiesen geben ein Fluss, ein Bächlein die Richtung vor. Doch nicht nur das, sie erzählen Geschichte(n) in ihrem Verlauf: Sie streifen Verborgenes und längst Vergessenes, Bekanntes und Unbekanntes. Vorbei geht’s an Dörfern, Kirchen, einem verlassenen Gasthof, der einst vielleicht den ganzen Ort zusammenhielt, verstummten Mühlen oder beredten neuen Projekten; begleitet von kleinen Pfaden und Wanderwegen bieten Flüsse und Bäche reizvolle Ein- und Aussichten. Und sie sind – im besten Fall – rar gewordener Lebensraum für schützenswerte und selten anzutreffende Pflanzen und Tiere: Libellen, Eisvogel, Biber oder Schwarzstorch. Ihnen zu begegnen, das bedeutet: Glücksmomente.

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Kein spektakulärer Auftritt. Einzig Schönheit und Lebensraum

Am Anfang: Es ist ein Murmeln nur im hohen Gras. Bescheiden, unspektakulär. D i e eine Quelle der Holzape, des Bächleins, dem ich folgen möchte, ist gar nicht leicht zu finden. Über weite Strecken in dichtem Wald und tiefen Wiesen verborgen, quert die Holzape den Reinhardswald. Unermüdlich auf ihrem Weg vom Quellgebiet am Fuße des Staufenbergs im Osten, Richtung Nordwest, bis zur Mündung am Wasserschloss in Wülmersen.

Am Ende: Auch hier kein Abschluss mit Pauken und Trompeten. Das kleine Bächlein durchmisst auf seinen letzten Metern schnell noch eine Weide. Dann schluckt die hier zügig fließende dunkle Diemel das klare Wasser der Holzape, trägt es mit sich fort, stillschweigend Richtung Weser und weiter bis zum Meer…

Ein großartiges Stück Reinhardswald, friedlich, schön, Leben spendend – das Holzapetal

Mit knapp 23 Kilometer Länge ist die Holzape das längste Fließgewässer im Reinhardswald im nordhessischen Landkreis Kassel. Sie entspringt am Westhang des 472 Meter hohen Staufenbergs – gemeinsam mit dem Gahrenberg die  höchste Erhebung im Reinhardswald

Mit klammen Hosenbeinen frühmorgens durch nasse Wiesen. Am Mittag die Sonne heiß im Rücken. Waldschatten. Und hinter jeder Biegung des hier murmelnden, dort munter plätschernden Bachlaufs gibt es etwas zu entdecken.

Unter Erlen, Eschen, hohem Gras: Am Fuße des Staufenbergs, beginnt die Holzape ihren knapp 23 Kilometer langen Lauf. Sie ist die längste jener zahlreichen Lebensadern aus Quellgebieten und Bachläufen, die den Reinhardswald durchziehen. Östlich der Domäne Beberbeck vereint sich die Holzape mit der Nieme, südlich von Gottsbüren gesellt sich der Donnebach hinzu. Wenig später der Fuldebach.

Erlenbruch Staufenberg

Magische Momente. Es war einmal

Ohne Zweifel. Das Holzapetal ist ein großartiges Stück Natur. Weitgehend unverbaut, zuweilen spielerisch, windet der Waldbach sich durchs gleichnamige Tal im Reinhardswald. Einem Wald voller Mythen und Märchen. Das verdankt er nicht zuletzt den Brüdern Grimm; deren gesammelte Märchen, etliche davon mit dem Reinhardswald eng verwoben, gehen bis heute um die Welt. Zentraler Identifikationsort: die Sababurg, das „Dornröschenschloss“. Dort, wo Dornröschen einst für hundert Jahre in den Schlaf fiel und mit ihr der ganze Hofstaat, der Küchenjunge, der Hund, sogar die Fliege an der Wand,  zieht der „Märchenwald“ in Nordhessen heute Wanderer und Touristen in seinen Bann.

„Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloss umzog“

Brüder Grimm Dornröschen

Spuren in der Landschaft. Spuren im Denken

Doch: „Es war einmal…“, so beginnen nicht nur Märchen. An vielen Orten macht der Reinhardswald, er ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Hessens – auch eines der bedeutenden in Deutschland – Kultur- und Forstgeschichte über Jahrhunderte sichtbar.

So erzählt der in mehr als 1000 Jahren entstandene und durch vielerlei Einflüsse geformte Reinhardswald von alten Hutewäldern, wo einst das Vieh sich unter ehrwürdigen Eichen mästete und einem modernen FriedWald, den Menschen heute voll Vertrauen und Zuversicht zur letzten Ruhestätte wählen. Er erzählt von Kämpfen um Land und Macht, von den Folgen alter Königs- und moderner Staatsforsten, von steinzeitlichen Siedlungen, mittelalterlichen Wüstungen und von Fichtenklumpsen: eine amüsante Wortschöpfung, ein forstwirtschaftlicher Versuch. Genial gedacht und letztlich doch gescheitert – wie so viele Waldwirtschaftsprojekte heute vermutlich auch.

So hat der Reinhardswald schon viele Menschen in die Abgeschiedenheit Hessens nördlichstem Zipfel gelockt:  Märchenliebhaber wie Literaturwissenschaftler, Weitwanderer wie Spaziergänger, Liebhaber von Geschichten wie Historiker, Naturfreunde und Naturwissenschaftler, Maler und Fotografen sowieso.

1000 Jahre alt ist der Reinhardswald 2019 offiziell geworden. Ein stolzes Jubiläum für das Menschengedenken – doch ist das ein Alter für einen Wald? Der Reinhardswald ist im Wandel, verändert sich stetig. Er hinterlässt Spuren, Spuren in der Landschaft und Spuren im Denken vieler Menschen – Menschen, die mit und von ihm leben und lebten, ihn kennen und schätzen – bis heute.

„Der Reinhardswald ist ein Schatzhaus europäischer Wälder“ 

Bernd Steiner

Naturschönheit birgt raren Lebensraum

Ausgestattet mit steilen Lehmufern, Sand- und Kiesbänken, Quellmoosen, Feuchtwiesen, Tümpeln, Bachauenwäldern und Erlenbrüchen bilden die Holzape und ihr gleichnamiges Tal über weite Strecken nicht zuletzt und ganz besonders wichtigen und rar gewordenen Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen: Eisvogel, Bachneunauge, Schwarzstorch und prächtige Libellen, Amphibien und Reptilien findet und sieht man mit ein wenig Glück am glasklaren Waldbach. Und im mal munter fließenden, mal träg gestauten Wasser, ja selbst im Sediment verborgen, leben Larven unzähliger Insektenarten und erfreuen Fische und Gewässerbiologen gleichermaßen.

„Das Wasser, die Fließgeräusche, die Spiegelungen des Lichts, die häufig hier artenreichere Tierwelt, Blumen, die nur hier wachsen und die Stimmung an Gewässern allgemein regen die Gefühlswelt an, geben diesem Raum einen besonderen mystischen Charakter“

Hermann-Josef Rapp

Das FFH-Gebiet „Holzapetal“ liegt im Reinhardswald. Es erstreckt sich vom Diemeltal nordöstlich Trendelburgs bis zur so genannten „Waldstraße“ etwa 2,5 km nördlich der Sababurg…der Reinhardswald zählt zur naturräumlichen Haupteinheit Weser-Leine-Bergland. Er bildet hier den nördlichsten Teil der östlichen Begrenzung der hessischen Senke bzw. des westhessischen Berg- und Senkenlandes

FFH-Gebiet Holzapetal,Grundlagenerhebung,Natura 2000

Das Holzapetal gehört tatsächlich zu den „Kronjuwelen“ des Reinhardswaldes. Solch einen Schatz, den muss man schützen. Heute ist das Holzapetal in weiten Teilen FFH-Gebiet und birgt im Verlauf gleich zwei wertvolle Naturschutzgebiete des Reinhardswaldes, zusammen 223 Hektar Naturschönheit und Lebensraum.

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Kurz vor ihrer Mündung in die Diemel speist die Holzape mit ihrem frischen Wasser noch die traditionsreiche Fischzucht der Familie Dworak in Wülmersen. Gleich um die Ecke erscheint das heute wieder genutzte, pittoreske Wasserschloss Wülmersen. Hofläden, Straußenfarm und Café laden zum Verweilen ein.

Bis heute ist der Reinhardswald ein großer, ein vielgestaltiger und weitläufiger Wald – kaum besiedelt oder von Straßen zerschnitten. An vielen Stellen bietet er dem Lauschenden eine längst verloren geglaubte Waldstille. Uralte Bäume, Eichen und Buchen vor allem, lebendig oder tot, beides ist wichtig, prägen sein Antlitz und seine Atmosphäre, sind sein Kapital; sie haben ihn bekannt gemacht. Eine ganz besondere Kraft aber verleihen dem Reinhardswald seine oft noch natürlichen Bachläufe mit Quellfluren, nassen Bruchwäldern und Waldtümpeln. Allen voran: die Holzape.

Mittag oder die Stille der Natur

Am Waldessaume träumt die Föhre,
Am Himmel weiße Wölkchen nur,
Es ist so still, dass ich sie höre,
Die tiefe Stille der Natur.

Rings Sonnenschein auf Wies‘ und Wegen,
Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
Und doch es klingt als ström‘ ein Regen
Leis tönend auf das Blätterdach.

Theodor Fontane 

Auf geht’s, ad fontes!