Schöner könnte eine Wanderung wohl kaum enden: Sie leben und arbeiten hier, im auslaufenden Holzapetal, direkt am Wald in einer Landschaft von großer Schönheit; das Holzapetal, das bis heute einen naturnahen Zustand bewahren konnte, gilt Laien und Experten als regelrechter Schatz des Reinhardswaldes. Nach mehr als 20 Kilometern speist der Waldbach hier, kurz vor der Mündung in die Diemel, noch die traditionsreiche Fischzucht Ihrer Familie. Welche Bedeutung hat diese Lage für Sie und Ihre Familie?

Die tägliche Arbeit mit und gerade in der Natur ist immer faszinierend; denn auch, wenn wir als Mensch meinen, es zu können, Natur ist und bleibt nur vage berechenbar und hält ständig Überraschungen bereit…Unser Antrieb besteht darin, dass man Teil von etwas geworden ist, was sowohl Kleines wie auch Großes schaffen kann, aber stets im Rhythmus der Jahreszeiten
Tobias Dworak
Die Einschätzung der Experten ist etwas hoch gegriffen, es gibt wahrhaftig noch schönere Täler, auch im Reinhardswald, wenn auch kleinräumiger. Die Holzape ist aber bekannt. Ihre Lage ist für uns sehr vorteilhaft, denn sie hat kurz vor dem Mündungsbereich die höchstmögliche Wassermenge auf ihrem Weg talabwärts. Sie hat aber auch eine große Menge Nährstoffe im Gepäck, die besonders auf dem Weg durch das Naturschutzgebiet im Wasser gelöst werden; Stichwort Totholz, was für die Fischzucht eine gewisse Herausforderung darstellt. Leider ist in den letzten Jahrzehnten die Wassermenge der Holzape spürbar weniger geworden, die Ursachen sind vielfältig, aber wie so oft vom Menschen gemacht. Trinkwasserentnahmen, nachlassende Niederschläge und Flächenversiegelung sind einige Gründe. Von Wülmersen aus betrachtet beginnt bei uns die Reise in das Holzapetal von der anderen Seite und man muss zwangsläufig bei uns vorbei. Wenn im Sommer die Frösche quaken, sattes Grün den Weg säumt, Eisvogel, Graureiher, Schwarzstorch, Milan, Fischadler, Gänse, Enten und auch nicht gern gesehene Kormorane im Jahresverlauf gleich zu Beginn der Wanderung ihre Präsenz zeigen, kann eine Wanderung in die Tiefen des Holzapetals wohl nicht besser beginnen.
Die Tradition der Fischzuchtbetriebe Reinhardswald reicht weit zurück; ihr Ursprung liegt in Ostpreußen. Wie kamen Sie nach Nordhessen, seit wann lebt und wirtschaftet ihre Familie im Holzapetal?

Meine Großeltern kamen nach dem Krieg über viele Umwege erst nach Hofgeismar/Kelze und 1954 schließlich nach Wülmersen. In Kelze begann die Fischerei mit den Kelzer Teichen, die noch heute im Besitz der Familie sind und weiterhin extensiv bewirtschaftet werden. 1954 bekam der Großvater die Alte Mühle mit den Mühlenteichen als Grundstück von der Hessischen Heimat zugewiesen. Wülmersen war, wie viele andere Orte in Hessen auch, ein Siedlungsprojekt für „,Gestrandete“. Das 1694 erbaute Mühlengebäude war von da an unser Ursprung in Nordhessen, die Forellenzucht wurde im ,,Unland“ dahinter aufgebaut und im Laufe der Geschichte auf weitere Standorte erweitert.
…in der wievielten Generation wirtschaften sie jetzt?
Aktuell leitet die dritte Generation die Geschicke, die vierte Generation hat die Ausbildung zum Fischwirt erfolgreich absolviert und arbeitet derzeit als Vollzeitkraft im Betrieb mit. Die Zukunft bleibt aber weiter offen, denn nur ein möglicher Nachfolger allein reicht heute nicht mehr aus.
Für Wanderer sind Fischteiche, Anlagen, Hof und Gebäude ein herrlicher Anblick. Die Arbeit hier draußen, bei Hitze, Nässe, Sturm und Eis ist vermutlich weniger romantisch. Was fasziniert Sie und treibt Sie an?
Die tägliche Arbeit mit und gerade in der Natur ist immer faszinierend, denn auch, wenn wir als Mensch meinen, es zu können, Natur ist und bleibt nur vage berechenbar und hält ständig Überraschungen bereit. Wir lernen immer wieder neue Dinge, verstehen Zusammenhänge besser und weil wir tagtäglich mit diesen Veränderungen konfrontiert werden, merken wir oft gar nicht, wie sehr auch wir uns verändern oder besser anpassen müssen, um erfolgreich zu sein. Und weil wir der Natur bei unserer Arbeit viel Raum lassen, erleben wir auch täglich tierische Überraschungen auf der Anlage und werden besonders im Sommer immer wieder mit tollen Eindrücken belohnt. Der Antrieb besteht darin, dass man Teil von etwas geworden ist, was sowohl Kleines wie auch Großes schaffen kann, aber stets im Rhythmus der Jahreszeiten. Es stellt sich immer eine gewisse Zufriedenheit ein, wenn man mit seiner Hände Arbeit etwas Großartiges schaffen kann.

Die Fischzucht benötigt tiefe Einblicke in die natürlichen Ressourcen, in Biologie, Technik und Wirtschaft. Sie sind Ausbildungsbetrieb. Wer interessiert sich heute für den anspruchsvollen und vielseitigen Beruf des Fischwirtes?
Es gibt in der Tat noch junge Menschen, die sich wirklich ernsthaft für Natur und die Arbeit hier draußen interessieren. Die Arbeit mit Tieren ist immer anspruchsvoll und mit Verantwortung verbunden, aber besonders die von Natur aus stummen Fische benötigen für eine erfolgreiche Arbeit besonders viel Aufmerksamkeit. Man muss begeistern können, geduldig sein, zuhören, fordern und fördern. Oft meinen Angler, sie wären für den Job gemacht, aber es gehört deutlich mehr dazu, als einfach nur Fische fangen zu wollen. Ohne Idealismus, eine Spur Bescheidenheit und die Bereitschaft zu Ruhe und Stress zugleich, kann man in unserem aussterbenden Beruf nicht arbeiten. Vielleicht haben wir mit unseren Auszubildenden einfach nur Glück gehabt, erklären kann ich es nicht genau.

Was lernt ein Fischwirt?
Die Ausbildung ist heutzutage absolut vielfältig, zumindest bei uns. Man lernt viel über unterschiedliche Fischarten, deren Besonderheiten und ihren Lebensraum, also auch wichtige Dinge über die Natur allgemein. Es geht um Zucht, Aufzucht, Vermarktung, Veredelung. Die handwerkliche Kunst der Herstellung und Reparatur von Fanggeräten, also Netze, Kescher, etc. gehört auch dazu. Bei der Vermarktung spielt besonders der Hofladen eine wichtige Rolle, was die Ausbildung in Richtung Verkäufer lenkt. Der Beruf hat sich zumindest bei uns sehr gewandelt, wir arbeiten vielfältig. Wer bei uns den Betrieb als Geselle verlässt, sollte in der Lage sein Fische zu züchten, zu vermarkten, zu veredeln, Krankheiten zu erkennen, beherrscht den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und hat sich viele kleine wichtige Dinge des Lebens angeeignet, die er im späteren Leben ausbauen und festigen kann.
Finden Sie genügend Nachwuchs?
Bisher glücklicherweise ja, aber wir denken, das wird zukünftig deutlich schwerer, was dem massiven Ungleichgewicht bei der Bezahlung der Jobs untereinander geschuldet ist. Warm, weniger Anstrengung – geistig wie körperlich – bei deutlich mehr Geld und weniger Arbeitszeit, sind schwer zu überbieten.
Was hat es mit den Reinhardswälder Kois auf sich?
Es handelt sich um ein Nischenprodukt. Der Koi ist ein Farbkarpfen, der in Japan fast schon vergöttert wird. Da wir diese Farbkarpfen hier in Wülmersen und somit im Reinhardswald züchten, entstand der Name Reinhardswaldkois. Sie sind den klimatischen Bedingungen angepasst, preislich deutlich günstiger und stehen für ein regionales Produkt, das international in Mode ist. Sie müssen in heutigen Zeiten mit Klimaängsten nicht eingeflogen werden, der CO2-Fußabdruck ist deutlich kleiner.
Welche Fische haben Sie im Sortiment?
Hauptsächlich Regenbogenforellen, gefolgt von Bachforellen, Saiblingen und Äschen. Hinzu kommen Karpfen, Schleien, Hechte, Zander, Weißfische und Biotopsfische, wie das Moderlieschen oder der Bitterling und Gründling. Ab und an auch mal Aal.
So frisch wie bei Ihnen im Hofladen bekommt man selten seinen Fisch. Verkaufen Sie hauptsächlich in der Region?
Speisefische verkaufen wir nur regional, hauptsächlich über den Hofladen oder über weitere Direktvermarkter im Umkreis von maximal 40 Kilometern. Besatzfische für Angelvereine oder Privatkunden liefern wir in Spezialfahrzeugen, insbesondere im Frühjahr und Herbst im Umkreis von maximal 250 Kilometern, was aber eher die Ausnahme ist.





Sie vermarkten Ihre Fische nicht nur, Sie veredeln Sie auch?
Wir räuchern einmal wöchentlich und nach Bedarf Forellen, Lachsforellen, Saiblinge und Aal über offenem Erlenholzfeuer. Dazu gibt es Forelle nach Matjesart und im Dezember kaltgeräucherte Lachsforelle. Damit haben wir ausreichend zu tun und die Kapazitäten sind nicht beliebig erweiterbar.
Welchen Fisch bevorzugen Sie selbst?
Gebackenen Karpfen, filetiert und grätengeschnitten an Sahnemeerrettich mit Kartoffelsalat und Rotwein.
Haben Sie einen Geheimtipp für die einfache und gelungene Zubereitung ihrer fangfrischen Fische?
Geschmäcker sind verschieden, aber wir haben im Hofladen fast immer ein leckeres Rezept auf der Zunge, angepasst an den Kunden.
Schauen wir noch in die Zukunft: Nachhaltigkeit wird heute in allen Bereichen gefordert. Ihr Betrieb findet hier im Holzapetal gute Bedingungen und birgt zudem das Wissen von Generationen. Woran arbeiten Sie, um den Betrieb noch weiterzuentwickeln?
Nachhaltigkeit ist in unseren Augen ein Modebegriff, der grundsätzlich viel zu schnell angewendet wird. Wer in Abhängigkeit von der Natur und ihren Ressourcen arbeitet, muss zwingend nachhaltig arbeiten, wenn er erfolgreich sein möchte. Wir produzieren das, zu was wir im Stande sind, wir fangen und verarbeiten nur das, was vom Kunden gefordert wird. Um aber den Betrieb erhalten zu können, arbeiten wir zunehmend im Betriebsumfeld gegen die weitere Ausbeutung der Natur. Diese entzieht uns die Grundlage unserer Arbeit und gefährdet unser aller Wohlergehen.
Die Bedingungen sind heute bei weitem nicht mehr so gut wie 1954. Das Wasser ist weniger, wärmer und dadurch qualitativ nicht viel besser. Landwirtschaft ist hierbei nicht das Problem, es ist eher der Flächenfraß durch die tagtägliche Bebauung. Wasser findet immer weniger Zeit in die tieferen Schichten zu gelangen, meist läuft es ungebremst in die Flüsse mit zum Teil fatalen Folgen – siehe Aartal. Wir verändern uns ständig, entwickeln uns entsprechend den finanziellen Möglichkeiten technisch, geistig und personell fort und lagen bisher damit fast immer richtig. Die Fischerei war und ist schon immer nachhaltig, lediglich der Profit der Großen führt, wie so oft, zu massiven Problemen.
Nicht weit von hier mündet die Holzape in die Diemel. Sind Sie selbst schon durch das ganze Holzapetal, von der Mündung bis zur Quelle am Staufenberg, gewandert?
Das Tal war meine Kinderstube und noch heute verbringen wir viel Zeit an und in der Holzape und trotzdem würde ich niemals behaupten, dass ich die Holzape perfekt kenne.



